Veranstaltungsserie
HumanKind Research Colloquium
Das HumanKind Research Colloquium bietet Forscherinnen und Forschern, Studierenden und Praxispartnern eine Plattform für den interdisziplinären Austausch zu aktuellen Themen der kindlichen Entwicklung. Präsentiert und diskutiert werden laufende Projekte, neue Forschungsergebnisse sowie methodische und theoretische Ansätze. Ziel ist es, voneinander zu lernen, Kooperationen zu fördern und neue Perspektiven auf Forschung, Intervention und Transfer zu eröffnen.
Datum Referentin/ Referent
Geplante Veranstaltungen:
30.01. tbd.
Titel: tbd.
6.02. tbd.
Vergangene Veranstaltungen:
9.01. Marlon Göring (AG Malti)
Titel: Moralische Identität und das gute Leben: Wege zum emotionalen Wohlbefinden
Seit jeher diskutieren Philosophie und Psychologie, ob ein starkes moralisches Anliegen – etwa der Schutz von Rechten und Wohlergehen anderer – das eigene emotionale Wohlbefinden fördert oder belastet. Während Aristoteles in der Nikomachischen Ethik moralische Tugenden als Weg zu gelingendem Leben beschreibt, sah Freud in einem ausgeprägten Gewissen eher eine Quelle innerer Konflikte und Schuldgefühle.
Aktuelle metaanalytische Befunde stützen deutlich die aristotelische Perspektive: Eine stärkere moralische Identität hängt kulturübergreifend robust mit höherem emotionalem Wohlbefinden zusammen. Der Vortrag stellt ein theoretisches Modell vor, das fünf zentrale Wirkpfade benennt, über die moralische Identität Wohlbefinden fördern kann (u. a. prosoziale Belohnungen, Identitätsreife, Selbstkonsistenz sowie sinnvolle Zielverfolgung und Kompetenzerleben). Zugleich werden potenzielle Risiken beleuchtet – etwa die Vernachlässigung nicht-moralischer Interessen, erhöhte Sensibilität für moralisches Unrecht sowie stärkere Anfälligkeit für Schuld und Scham nach Verfehlungen – und es wird diskutiert, wie diese Risiken durch Emotionsregulation, Selbstmitgefühl und ein „moral growth mindset“ abgefedert werden können. Abschließend wird gezeigt, wie sich diese Mechanismen von der Kindheit bis in die Adoleszenz entwickeln und welche Konsequenzen sich daraus für zukünftige Forschung zu Moral und gelingendem Leben ergeben.
12.12. Noemi Thiede (AG Liebal)
28.11. Anna-Lina Rauschenbach (AG Schmitz)
Titel: Veränderte Gesichtverarbeitung bei Kindern und Jugendlichen mit sozialer Angststörung: Befunde aus zwei EEG-Studien
Autor:innen: Anna-Lina Rauschenbach, Vera Hauffe, Jakob Fink-Lamotte, Brunna Tuschen-Caffier, Julian Schmitz
Zusammenfassung:
Hintergrund: Die soziale Angststörung (SAD) gehört zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Dennoch ist wenig darüber bekannt, welche Faktoren zur Aufrechterhaltung der Störung in dieser sensiblen Entwicklungsphase beitragen. Während Modelle für Erwachsene eine erhöhte physiologische Reaktivität auf soziale Informationen annehmen, zeigen bisherige neurophysiologische Befunde bei Kindern und Jugendlichen ein uneinheitliches Bild.
Methode: In zwei EEG-Studien wurden Kinder und Jugendliche im Alter von 10–15 Jahren mit SAD, klinischen Kontrollen mit spezifischen Phobien sowie gesunde Kontrollen (HCs) untersucht.
• Studie 1 (n = 159): Präsentation von Erwachsenenfotos mit wütenden, neutralen oder fröhlichen Gesichtsausdrücken sowie von nicht-sozialen Haushaltsobjekten.
• Studie 2 (n = 155): Präsentation neutraler Kinderansichten, kombiniert mit auditiven sozialen Kontextinformationen unterschiedlicher Valenz (negativ, neutral, positiv).
Erfasst wurden die ereigniskorrelierten Potenziale P100, N170 und LPP.
Ergebnisse: In beiden Studien zeigten Teilnehmende mit SAD geringere N170-Amplituden als gesunde Kontrollen – unabhängig vom gezeigten Gesichtsausdruck oder der Valenz der Kontextinformationen. Zudem wiesen jüngere Kinder mit SAD (10–12 Jahre) erhöhte LPP-Amplituden auf. Weitere studienspezifische Befunde werden berichtet und diskutiert
Fazit: Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass neuronale Verarbeitungsbiases bereits im Kindes- und Jugendalter bei SAD bestehen. Die Befunde tragen zu einem besseren Verständnis aufrechterhaltender Mechanismen der sozialen Angststörung im Jugendalter bei und unterstreichen die Bedeutung entwicklungsorientierter Modelle sozialer Angst.
14.11. Louisa Huff (AG Grüneisen)
Titel: Kleine Kinder schützen Normverletzer, denen sie eine Gefälligkeit schulden
Autor:innen: Huff, L. und Grueneisen, S.
Abstract (deutsch): Reziprozität ist ein evolutionär uraltes Fundament menschlicher Kooperation. Wenn jedoch ein persönlicher Wohltäter sich unmoralisch verhält, kann der Impuls, Gefälligkeiten zu erwidern, mit dem Gebot unparteiischer Normdurchsetzung in Konflikt geraten – und damit potenziell den Weg für korruptes Verhalten ebnen.
Wir untersuchten, ob direkte Reziprozität bereits bei jungen Kindern die unparteiische Normdurchsetzung beeinträchtigen kann. In zwei präregistrierten Experimenten (N = 169) hatten 5- bis 7-jährige Kinder die Möglichkeit, eine soziale Partnerperson, die sie bei einer Normverletzung beobachtet hatten, zu maßregeln, zu verraten („petzen“) oder ihr Ressourcen zu entziehen.
Die Ergebnisse zeigen, dass Kinder – entgegen ihren moralischen Urteilen – seltener gegen Normverletzer vorgingen, die ihnen zuvor eine Gefälligkeit erwiesen hatten, als gegen solche, die dies nicht getan hatten (Experiment 1), oder gegen Normverletzer, die einer anderen Person eine Gefälligkeit erwiesen hatten (Experiment 2). Diese Befunde deuten darauf hin, dass Verpflichtungen aus direkter Reziprozität bereits im Kindesalter die konsequente Durchsetzung sozialer Normen beeinträchtigen können.